Nachdem die Suzi schon ihre Runden drehen durfte, sollte nun auch unser Troll wieder einmal ordentlich ausgefahren werden. Der Eriba ist jetzt doch einige Monate gestanden und dementsprechend schaute er auch aus – ein bisserl staubig und mitgenommen. Der erste Versuch, ihn bei der Agip-Station wieder flott zu kriegen, war leider ein Schuss in den Ofen. Der Chef dort erklärte uns recht überheblich, dass das mit dem Wohnwagen bei ihnen nicht funktioniert. Wir hatten zwar anderes gehört, aber na gut, dann halt net. Wir lassen uns die Laune nicht verderben.
Also war Handarbeit angesagt. Im Team haben wir es dann aber schnell geschafft, dass der Wohnwagen wieder glänzt und fein aussieht. Unser Ziel für diese Ausfahrt ist die „Masai Mara“ – nein, nicht in Kenia, sondern der gleichnamige Campingplatz in der Nähe von Berndorf in Niederösterreich. Camping Berndorf ist das Stichwort für unser kleines Wochenende.
Entspannung beim Camping Berndorf und historische Entdeckungen
Zwischen den üblichen Baustellen ging es auf der Autobahn eh recht zügig voran. Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichen wir den Platz. Er liegt sehr einfach an einem idyllischen Ententeich, die Parzellen sind allerdings eher klein gehalten. Es wirkt wie eine Mischung aus einer Wiener Schrebergartensiedlung und einem klassischen Campingplatz. Aber der Empfang war wirklich herzlich, die Sanitäranlagen sind sauber und recht modern. Wir beschließen spontan, hier ein bisserl länger zu bleiben und die Atmosphäre zu genießen.






Nach dem Aufbau und einem späten Frühstück zieht es uns direkt nach Berndorf. Hier steht das berühmte Stadttheater, das ursprünglich zu Ehren von Kaiser Franz Joseph I. errichtet wurde. Leider wird aktuell nicht gespielt, sonst wäre eine Vorstellung sicher eine Überlegung wert gewesen. Das Theater wurde 1897/98 von Arthur Krupp anlässlich des 50-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers erbaut. Es war damals das erste Theater in einem reinen Industriestandort der Monarchie und sollte der Arbeiterschaft Bildung und Unterhaltung bieten – ein ziemlich visionärer Ansatz für die damalige Zeit.










Überhaupt ist der ganze Ort massiv von Adolf Krupp und seiner Berndorfer Metallwarenfabrik geprägt. Krupp war ein Visionär, der aus einem kleinen Tal ein globales Imperium stampfte. Von edlem Besteck bis zu komplexen Metallteilen – das legendäre Bären-Logo war damals das Gütesiegel schlechthin. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Krupps Aufstieg war eine Achterbahnfahrt zwischen genialem Unternehmertum, patriarchaler Fürsorge für seine Leute und den dunklen Verstrickungen der Rüstungsindustrie. Man spürt diesen Geist noch heute in den Straßen und in den Arbeiterhäusern.
Abgesehen von der Geschichte ist der Ort heute weniger spannend. Es gibt zwar viele interessante Häuser, aber die sind leider oft so total verparkt, dass man sie kaum g’scheit fotografieren kann. Ein Highlight ist aber die „alte“ Margaretenkirche. Arthur Krupp ließ sie zwischen 1881 und 1883 erbauen. Der Architekt Viktor Rumpelmayer wählte dafür den neugotischen Stil – eine bewusste Rückbesinnung auf die Gotik, die im 19. Jahrhundert extrem angesagt war und der Stadt ein fast herrschaftliches Antlitz verleiht.
Von der Industrie zur Romantik: Ruine Merkenstein
Weiter geht es zur Ruine Merkenstein, die für mich den perfekten Kontrastpunkt zum industriellen Glanz von Berndorf bildet. Während die Krupp-Bauten für Fortschritt und Stahl stehen, ist die Ruine ein stummer Zeuge düsterer Zeiten. Sie hat die Zerstörung während der Türkenkriege miterlebt und später die Romantiker angezogen. Sogar Ludwig van Beethoven war von der Atmosphäre so angetan, dass er der Ruine zwei Lieder gewidmet hat.


















Das Areal ist einer der spannendsten Plätze im Wienerwald. Da gibt es zum einen die sagenumwobene „Höhle der Millionen Knochen“, von der wir allerdings nur gelesen haben, und direkt daneben das beeindruckende Schloss im Tudor-Stil. Das Betreten des Schlosses ist aus Sicherheitsgründen streng verboten, aber von außen und mit einem guten Teleobjektiv kann man die feine Architektur und die harten Kontraste im Licht wunderbar einfangen.

Die Gegend ist sehr idyllisch und lädt zum Fotografieren ein.







Den Abend lassen wir gemütlich am Campingplatz ausklingen. Es ist recht angenehm hier und – das Beste – es gibt überhaupt keine Gelsen, obwohl wir direkt am See stehen. Ein perfekter Abschluss für einen Tag voller Geschichte und Entdeckungen.
Habt ihr gewusst, dass Berndorf so tief in der Industriegeschichte verwurzelt ist, oder zieht es euch auch eher zu den Ruinen in den Wald?
